Wer wir sein könnten
Spielzeit 2026/27
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Wenn nicht hier, sag mir, wo und wann?
Wenn nicht du, wer sonst?
— Höhner
Du kannst alles werden, was du sein willst – gilt dieses Versprechen der Moderne noch? Wer bestimmt denn, wer oder was ich bin? Meine Herkunft, das Schicksal, die Gesellschaft oder meine eigene Fantasie? In der Wirklichkeit ist es wohl kaum möglich, ganz allein zu bestimmen, wer ich bin. Wobei das auch manchmal nur eine Frage der sozialen Praxis ist.
Peer Gynt will selbst bestimmen, wer er ist, ignoriert seine Herkunft und erlügt sich ständig neue Identitäten. Dabei erlebt er eine Menge Abenteuer – leider spielt die Wirklichkeit nicht immer wunschgemäß mit. Fanny Meyer war Schauspielerin, stieß 1927 zum Ensemble des Hänneschen Theater und war dort Puppenspielerin, bis sie als „Jüdin“ und damit gemäß der herrschenden Ideologie als „Volksfeindin“ identifiziert, aus der Gesellschaft verstoßen und umgebracht wurde. Ein polnisches Theaterensemble nutzt nach dem Einmarsch der Deutschen 1939 die Mittel des Theaters und schlüpft in die Rollen der Gegner, um der politischen Verfolgung zu entgehen. Arturo Ui geht den umgekehrten Weg und nutzt Schauspieltechniken und das Spiel mit Machtstrukturen, um sich von einem Gauner in einen faschistischen Diktator zu verwandeln.
Im Möglichkeitsraum des Theaters spielen wir Verwandlungen durch. Könnte auch ich ein Diktator sein? Was wäre, wenn ich von der herrschenden Macht zur „Volksfeindin“ erklärt würde? Wie fühlt es sich an, jemand anderes zu sein? Empathie ist eine grundlegende Fähigkeit für ein gleichberechtigtes, respektvolles und funktionierendes Zusammenleben. Die Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln, die Welt, uns selbst und unsere Rollenbilder zumindest für einen Moment spielerisch infrage zu stellen – diese Möglichkeit bietet das Theater. Auswirkungen auf die Wirklichkeit nicht ausgeschlossen.